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Die Kreuzzüge, Terror im Heiligen Land

„Kein Krieg ist heilig“

...las der Besucher auf dem Plakat, das für eine Ausstellung über die Kreuzzüge warb, die in der ersten Hälfte des Jahres 2004 Jahres im bischöflichen Diözesanmuseum des Domes der Stadt Mainz zu besichtigen war.

Dieser Satz lässt aufhorchen, denn der „Heilige Krieg“ war für die Kirche des Mittelalters die ideologische Rechtfertigung für das Hinschlachten unzähliger Menschen auf zahlreichen Kreuzzügen, die die sich christliche nennende katholische Kirche gegen „Ungläubige“ geführt hat. Wer immer Verfasser dieses Satzes gewesen ist, man könnte geneigt sein zu glauben, dass eine Wandlung, ja eine geistige Revolution in den Köpfen der Theologen stattgefunden haben könnte, weg vom Krieg, hin zum Pazifismus – für den einfachen, nicht kirchengläubigen Christen selbstverständliches Glaubensgut.

Ein Blick in die Katechismen beider Kirchen, der katholischen und der evangelischen, belehrt eines Besseren: Die geistige Revolution, Schwerter in Pflugscharen umzuwandeln, hat leider in den Köpfen der Theologen nicht stattgefunden. Der Krieg ist immer noch, zwar als „Verteidigungskrieg“ getarnt, Glaubensgut oder besser Glaubenswaffe der Kirche. Nur das Etikett „heilig“ fehlt, doch das kann man bei geeigneter Gelegenheit leicht wieder an den „Krieg“ drankleben.

Man muss sich die Frage stellen, wie aus dem Friedenswerk Jesu überhaupt eine Kriegskirche und wie solch ein Mega-Verbrechen wie das der Kreuzzüge entstehen konnte. Die Ausstellung gab Anlass, darüber nachzudenken.

Eine hieb- und stichfeste Theorie der Gewalt

Die frühchristlichen Kirchenväter des 2. und 3. Jahrhunderts n. Chr. Justinus, Tertullian, Origines und Cyprian kann man noch als wahre Pazifisten bezeichnen. Sie waren allesamt der Überzeugung, dass Krieg, Waffengewalt und Blutvergießen verwerflich und mit dem Gewissen eines rechtschaffenen Christen nicht vereinbar seien. Ihren Missionsauftrag sahen sie in der Predigt für Gewaltlosigkeit und in einem Leben mit Christus als Vorbild.

Die Malaise begann an dem Tag, als Kaiser Konstantin 313 dem Christentum Toleranz verschaffte und damit begann, das römische Reich in ein christliches römisches Imperium umzuwandeln, denn wie anders als mit der Macht der Waffen sollte man diesen Staat, den Beschützer und Garanten der Lehre Jesu, gegen seine Widersacher verteidigen. Der Kirche, von Konstantin zur Staatskirche erhoben, mit Ämtern, Besitz, Rechten und Kapital ausgestattet, war dies nur recht, sah sie doch nun ihrerseits den Krieg als Mittel an, all diese Errungenschaften der Macht und den bereits beträchtlich angehäuften Reichtum zu erhalten.

Die Frage, ob diese Einstellung zur Gewalt mit der Lehre Jesu übereinstimmt, wurde wohlweislich nicht gestellt, denn von der Macht der Kirche profitierende Theologen, wie der „heilige Kirchenvater“ Augustinus, selber im Amte eines Bischofs, kamen der in Überzeugungsnot geratenen Kirche zu Hilfe und bogen die Lehre Jesu ihren Bedürfnissen nach zurecht. Augustinus gelang das Kunststück in seinem Werk „Der Gottesstaat“ vor das Wort „Krieg“ das Zauberwort „heilig“ zu setzen, und schon war der Krieg ein bellum deo auctore, d. h. Ein „gottgewollter Krieg“ und damit ein „gerechter Krieg“. Wer also das Schwert ergreift, wird nicht etwa, wie Jesus dem kämpfen wollenden Petrus vorhielt, durch das Schwert umkommen (Matt. 26,52-53), sondern kämpft als „Diener Gottes für das Licht“, für Christus. Die Gegner der Kirche kämpfen dann natürlich nach theologischer „Logik“ für den Teufel.

Die nächsten Schritte zu einer immer raffinierter ausgetüftelten Kriegs-und Gewalttheorie vollzogen dann im Laufe mehrerer Jahrhunderte spitzfindige Theologen im Auftrag ihrer Päpste. Es entstand der „Ketzerkrieg“ gegen die „Feinde der Kirche im Inneren“ und der „Missionskrieg“, der den Auftrag von Jesus: „Lehret alle Völker“ erfüllen sollte. Mit besonders brutaler Härte - „Taufe oder Tod“ - wurde dieser von Karl dem Großen in den Sachsenkriegen in eine schreckliche Wirklichkeit umgesetzt.

Einen vorläufigen Höhepunkt des Feilens an einer „schlüssigen“ Kriegstheorie fand der theologische Denkakrobat, der Bischof Anselm von Lucca um 1085 mit seiner abstrusen These, dass der Krieg „ein Akt der Nächstenliebe“ sei.

Gregor VII. (um 1050 n. Chr.) entwarf als erster Papst eine „fundierte“ Kreuzzugsideologie. Sein Ziel war es, ein großes christliches Imperium zu schaffen, das nicht von Kaisern, sondern von den Päpsten, den legitimen Nachfolgern der römischen Cäsaren, geführt werden sollte.

Als ausführendes Instrument kam der abendländische Kriegerstand in Frage. Dessen militant missionarischer Geist musste mobilisiert werden. Die Kirche verstand es, die althergebrachte Ritterethik und die germanische Sucht, den blutigen Kampf zu verherrlichen, für ihre Zwecke nutzbar zu machen: Gott, zum Kriegsgott umfunktioniert, ist oberster Lehensherr, dem der Ritter zur Treue verpflichtet ist. Aus Liebe zu diesem allmächtigen Kriegsherren kämpft der Ritter gegen das Böse. Er scheut auch nicht den Tod, denn Feigheit wäre eine fatale Schande – Märtyrertum war angestrebt. Somit waren die „Soldaten Christi“, oder wie die Kreuzzugideologen formulierten, die militia Christi, geboren. Um den Kampf schmackhaft zu machen, erfanden schlaue Theologen einen Lohn. Die Kirche bezahlte den Einsatz mit metaphysischer Münze: Erlass der Sündenstrafen.

Bewaffnete Wahlfahrt in die Paradiesstadt Jerusalem

„Dieses Land ist von Gott den Söhnen Israels zum Eigentum gegeben worden. Milch und Honig fließen darin. Jerusalem ist der Nabel der Welt. Es ist ein zweites Paradies“, so beschreibt schwärmerisch und verlockend Papst Urban II., der Initiator der Kreuzzüge, die heiligste Stätte der Christenheit. Kein Fleck der Erde übte auf die Christen eine solche magische Anziehungskraft aus, wie das „heilige Jerusalem“. Kein Wunder, dass es Pilgerziel Nummer eins auf der Rangliste der Pilgerfahrten der abendländischen Christen wurde. Wer wollte nicht auf so einfache Weise wenigstens in die Nähe des Paradieses kommen oder zumindest von seinen gepriesenen „Reichtümern“ profitieren? Für viele Kreuzfahrer ein bevorzugtes Motiv für den Kreuzzug.

Bislang waren Wallfahrten friedliche Unternehmen, was in den Attributen Pilgertasche und Stab zum Ausdruck kam. Eine Waffe war für den Pilger nicht vorgesehen, sollte doch die ganze Pilgerei gerade zum Abtragen der Sünden dienen – einer der vielen Mittel der katholischen Kirche, aus der christlichen Religion ein großes spirituelles Geschäft zu machen. Vorzüglich gelang es dadurch, den Kreuzzüge die rechte Legitimation zu geben, indem die Soldaten Christi einfach zu Pilgern erklärt wurden. Zu den genannten Attributen kam jetzt das Schwert – und die „bewaffnete Wallfahrt“, das zugkräftigste Lockmittel, die Ritter zum Marsch nach Jerusalem zu motivieren, war erfunden. Die passenden „Argumente“ dazu fand der „heilige“ Bernhard von Clairvaux, ein fanatischer Kreuzzugspropagandist: “Wenn du ein kluger Kaufmann bist, nimm das Kreuz, auf dass du alles, was du reumütigen Herzens bekennst, Ablass erhältst. Die Ware ist billig, wird sie jedoch mit frommer Gesinnung erworben, so gilt sie soviel wie das Reich Gottes.“

Die Kreuzzgsideologie war somit perfekt. Der Historiker Rudolf. Pörtner schreibt in seinem Buch „Unternehmen Heiliges Grab“: „Der Ritter zog als gesegneter und bewaffneter Pilger aus, seinem göttlichen Lehensherren, dem Himmelskönig Christus, zu dienen, für ihn zu kämpfen und, wenn es sein musste, auch für ihn zu sterben. Als Gegenleistung gewährte ihm der Herr durch die Kirche, sofern er seinen Auftrag erfüllte und das goldene Jerusalem von den Ungläubigen befreite, das ewige Leben, und als Beigabe gewissermaßen brachte es ihm auch noch Macht, Karriere, und Reputation ein.“ Dabei waren alle Mittel erlaubt. Was bisher als Sünde galt, Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Betrug und Lasterhaftigkeit drückte nicht mehr das Gewissen und verschaffte keine Sündenqual, denn alles war gedeckt gewissermaßen durch die Heiligsprechung des gesamten Kreuzzugsunternehmens.

Das Fazit ist erschütternd: Aus einer Lehre des Friedens, der Nächstenliebe und der Gewaltlosigkeit wurde eine Lehre des Krieges, des Nächstenhasses und der Gewalt. Welch eine Perversion des wahren Christentums!

In seiner berühmten Rede auf der Synode zu Clermont 1095 spielte Papst Urban II. Alle diese Trümpfe seiner Kreuzzugsideologie vor den versammelten Aristokraten, Klerikalen und dem zusammengetrommelten Volk aus. Den von der Kirche durch Erbsünde und Sündenkataloge erlösungssüchtig gemachten Menschen mussten die in Aussicht gestellten himmlischen Freuden wie Glockengeläut geklungen haben. Andererseits stachelte er aber auch zum Hass auf durch maßlose Verunglimpfung derjenigen, derentwegen der Kreuzzug geführt werden sollte, den Sarazenen (Muslimen), denn sie hatten das heilige Land erobert und die heiligen Stätten „entweiht“.

Urban scheute sich nicht, Gräuelgeschichten aufzutischen, die die Forschung heute als Lügen entlarvt hat. Christen sollen von den als „Hunde, Diebe, Räuber, Brandstifter und Mörder“ bezeichneten Moslems gezwungen worden sein, Gott zu verleugnen. Die sich Widersetzenden habe man gemartert und hingeschlachtet. Das alles ergab psychologisch eine explosive Mischung von einer künstlich erzeugten Erlösungssehnsucht und einer geballten Aggression, gerade die richtige (negative) Energie für einen Kriegszug. „Gott will es“ - damit nahm der Papst den letzten Zweifel an einer möglichen Unmoral des bevorstehenden Krieges.

Christus als Kreuzritter führt das Kreuzzugsheer: die totale Verfälschung des Christentums.

Christus als Kreuzritter führt das Kreuzzugsheer: die totale Verfälschung des Christentums.


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