Der Holocaust der katholischen Kirche im Mittelalter
„Besuchen Sie das Land der Katharer“, liest der Autotourist ein Schild an der Autobahn E 80 zwischen Narbonne und Carcassonne am nördöstlichen Pyrenäenrand im Süden Frankreichs. Ein Blick in den Reiseführer klärt ihn auf: Hier wurden einst im 12. und 13. Jahrhundert „wahre Christen“, wie die Katharer sich nannten, von der römisch-katholischen Kirche wegen ihres ketzerischen Glaubens verfolgt und restlos vernichtet. Gleichzeitig kämpften freie Bürger und mächtige Adlige für ihre politische Unabhängigkeit gegen den französischen König, der das Katharerland seinem Zentralreich einverleiben wollte. Freiheitsliebende Menschen stritten für das freie Land Okzitanien, das ehemalige Westgotenreich, das das heutige Nordspanien und einen großen Teil Südfrankreichs umfasste, für die freie Entfaltung der hohen ethischen Kultur des Minnesangs der Troubadours, für den Erhalt einer blühenden Wirtschaft und gegen die religiöse Bevormundung durch die katholischen Kirche. Doch die Okzitanier verloren den Kampf und mussten sich König und Kirche unterwerfen.Frischer Blumenschmuck an den Erinnerungsstätten der Katharer
Der Tourismus hat die blutige Geschichte der Katharerbewegung schon längst als gewinnbringenden Markt entdeckt. Unzählige Ansichtskarten von den Schauplätzen der Massaker, gruselige Foltergerätemuseen, Multi-Media-Shows vom Katharer/ Albigenserkreuzzug und vielerlei Souvenirs und Attraktionen mehr werden angeboten. Hinter der Tourismusfassade jedoch spürt der aufmerksame Reisende eine Ernsthaftigkeit der Menschen dieses Landes, diesen unerhörten Holocaust der katholischen Kirche an den Katharern aufklärend und mahnend in Erinnerung zu behalten. So jedenfalls kann man die Sträuße von frischen Blumen an den katharischen Gedenkkreuzen deuten. Dafür spricht auch ein überaus reichhaltiges historisches und religiöses Schrifttum, das in den Souvenirläden neben Kitsch und Krempel ausliegt. Oder werden die Katharer heute noch verehrt? Ist der Glaube der „Reinen“ noch in Spuren erhalten?
Keine Sekte, sondern eine europäische religiöse Bewegung
Im Frühsommer des Jahres 1209 versammelte sich bei Lyon ein Heer „christlicher Kreuzfahrer“. Land- und machtgierige Adlige und Kirchenherren, fanatische und abenteuerlustige Soldaten aus dem ganzen christlichen Abendland waren dem Aufruf Papst Innozenz III. gefolgt, den „ketzerischen Unglauben“ der Katharer durch einen Kreuzzug zu vernichten.

Frischer Blumenschmuck auf dem Denkmal für die Hinrichtung von 300 Katharern am Fuß der Katharerfestung Montsegur - ihr letzter Zufluchtsort.
Wer waren diese okzitanischen Ketzer, zu deren Ausrottung - „extirpare“ heißt es wörtlich in der päpstlichen Bulle - die gesamte Christenheit aufforderte? Welchen todeswürdigen Verbrechens hatten sie sich schuldig gemacht? Die Antwort ist so banal wie schockierend: Sie hatten einen anderen christlichen Glauben als den, den die katholische Kirche den Gläubigen vorschrieb.
Den Namen Katharer, was griechisch katharoi = die Reinen heißt (man nannte sie auch Albigenser nach der Stadt Albi), erhielten sie von der sie verfolgenden Kirche. Daraus wurde das Schmähwort „Ketzer“ als Gattungsbegriff für dogmatische Abweichler abgeleitet. Sich selbst nannten die Katharer veri oder boni christiani, die wahren oder guten Christen, denn die Anhänger dieser bedeutendsten spirituellen Bewegung des hristlichen Mittelalters betrachteten sich als die Vertreter des wahren und unverfälschten Christentums. Die katharische Lehre, die von den Bogumilen, einer urchristlichen Bewegung im Balkan ausging, hatte sich im 12. Jh. erstaunlich weitreichend ausgebreitet. Glaubenszentren sind in England, den Niederlanden, Belgien, Nordfrankreich und Deutschland ebenso bezeugt wie in der Lombardei, Mittelitalien, im nordspanischen Aragon und in Katalonien. Somit hatte der Katharismus universellen Charakter und war eine europäische religiöse Bewegung, keineswegs eine regionale „Sekte“, wie sie heute noch von kirchenhörigen Historikern bezeichnet wird.
Karte des Verbreitungsgebietes der Katharer - zum Vergrößern bitte anklicken
Die Kreuzzgsideologie war somit perfekt. Der Historiker Rudolf. Pörtner schreibt in seinem Buch „Unternehmen Heiliges Grab“: „Der Ritter zog als gesegneter und bewaffneter Pilger aus, seinem göttlichen Lehensherren, dem Himmelskönig Christus, zu dienen, für ihn zu kämpfen und, wenn es sein musste, auch für ihn zu sterben. Als Gegenleistung gewährte ihm der Herr durch die Kirche, sofern er seinen Auftrag erfüllte und das goldene Jerusalem von den Ungläubigen befreite, das ewige Leben, und als Beigabe gewissermaßen brachte es ihm auch noch Macht, Karriere, und Reputation ein.“ Dabei waren alle Mittel erlaubt. Was bisher als Sünde galt, Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Betrug und Lasterhaftigkeit drückte nicht mehr das Gewissen und verschaffte keine Sündenqual, denn alles war gedeckt gewissermaßen durch die Heiligsprechung des gesamten Kreuzzugsunternehmens.