Die Folgen: Ein ganzes Land wurde ketzerisch
Hussens Tod wurde in Böhmen mit ungeheurer Empörung aufgenommen. Aber die eigentliche hussitische Revolution, deren Identifikationsfigur Hus war, brach erst 1419 aus. Die Verfolgung der Katholiken, Plünderungen und Zerstörungen der katholischen Kirchen durch die radikalen Hussiten waren schrecklich, die Greueltaten der vier Kreuzzugsheere, welche die Kirche, teilweise durch den König unterstützt, nach Böhmen entsandte, nicht minder.
Es bildeten sich neue Glaubensformen und kirchliche Institutionen heraus, so z.B. die utraquistische Kirche, die den Laienkelch und die Verehrung von Hus gestattete. Vom Papsttum wurde sie nie anerkannt. Ein pazifistischer und urchristlicher Zweig der Hussiten wurde zum Vorläufer der böhmisch-mährischen Brüdergemeinde. Ein kleiner Rest der Bevölkerung blieb katholisch. Erst am Beginn des 30jährigen Krieges unterlag Böhmen der gewaltsamen Rekatholisierung durch die habsburgischen Machthaber.
Nach Gründung der modernen tschechisch-slowakischen Republik 1918 wurde die sich bewusst „hussitisch“ nennende protestantische Nationalkirche gegründet, die nach dem 2. Weltkrieg im Kommunismus überlebte.
Ketzer, Märtyrer, Vorkämpfer für Geistesfreiheit, für die Demokratie, für die Bildung der tschechischen Nation, Sozialrevolutionär und Kultfigur.
Diese Attribute verraten bereits, welch weite Kreise Hussens Denken und Wirken gezogen, welche positiven Anstöße er der europäischen Geistesgeschichte und der Bewusstseinswentwicklung der Menschen gegeben hat, aber auch von welchen Bewegungen und Gruppierungen er vereinnahmt worden ist und wird.
Für die katholische Kirche ist Johannes Hus bis heute ein Ketzer, wenn sie auch diesen Kampfbegriff aus Zeiten der Inquisition vermeidet. Dass Hus der Kirche die heilsbringende Sendung abgesprochen hat und das Gesetz Christi höher stellte als die Gesetze der Kirche, ist für diese nach wie vor unannehmbar. Die von Hus bekämpften Irrlehren der Kirche gelten heute bis auf kleine Abstriche immer noch. Wenn es einen Hus unserer Tage gäbe – eine causa Hus mit Exikommunikation wäre die sichere Folge.

Hus wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Er trägt die Ketzermütze mit der Aufschrift: Dieser ist ein Ketzerführer.
Dennoch regte der Papst Johannes Paul II. 1999, Verständnis und Toleranz heuchelnd, im Vatikan eine Konferenz aus Bischöfen, Theologen und Historikern verschiedener Konfessionen an, die eine „Umbewertung“ Hussens ermöglichen sollte. Ziel war aber keineswegs die Rehabilitation des Reformators oder gar ein Eingeständnis einer Schuld, es wurde lediglich ein „Bedauern“ über die „Fehlentwicklungen“ der Kirche ausgesprochen.
Für die Protestanten wurde Hus zum Vorläufer von Luther und zum evangelischen Märtyrer hochstilisiert. Den Liberalen und Aufklärern des 18. und 19. Jhs. galt er als Streiter für die Gewissens- und Geistesfreiheit und war somit echter Demokrat.

Das Hus-Denkmal auf dem Altstädter Markt in Prag.
Die tschechischen Nationalisten um den Historiker Frantisek Palacky im 19. Jh. missbrauchten Hus zum national-religiösen Kämpfer gegen die Deutschen, aber auch zum fortschrittlichen demokratischen Lanzenreiter gegen die konservativen katholischen Mächte, Habsburger Kaisertum und Romkirche.
In den Zeiten des Kommunismus wurde Hussens heldenhafter sozialrevolutionärer Kampf gegen die ausbeuterische klerikal-feudalen Herrscherklasse herausgestellt. Das muss natürlich korrigiert werden, denn Hus hat die feudale Gesellschaft seiner Zeit akzeptiert, revolutionär war einzig und allein die Idee, dass er alle sozialen Schichten auf die unverfälschten und echten christlichen Normen verpflichten wollte.
Auch heute noch dient Hus konservativen Kulturkreisen der tschechischen Gesellschaft als Kultfigur der Tschechen, als der „gute Geist der Tschechen“, der die Ideale Wahrheit, Aufrichtigkeit und Stärke verkörpert.
Mit diesen Idealen kann der Reformator Hus auch heute ein Vorbild sein.
Literatur:
Damals, Das Magazin für Geschichte und Kultur, Peter Hilsch, Jan Hus – ein Porträt, drs. Jan Hus und das Konstanzer Konzil, Rudolf Jaworski, Jan Hus als Leitfigur der Tschechen;
Jiri Kejr, Die Causa Johannes Hus und das Prozessrecht der Kirche;
Renate Riemeck, Jan Hus, Reformation 100 Jahre vor Luther;