Die Kirche im späten Mittelalter: geldgierig, machtbesessen und menschenverachtend
Die Scholastiker, theologisch geschulte Ideologen, hatten ein praktisches, in der Theorie gut funktionierendes Schema der Gesellschaft entwickelt: Das Volk war in drei Stände eingeteilt. Der erste lehrt und spendet die Sakramente, der zweite herrscht, richtet und beschirmt, der dritte ernährt die beiden oberen Stände durch seine Hände Arbeit. Nicht gerechnet hatten die Theologen mit der Praxis in der Wirklichkeit, denn die Mitglieder der jeweiligen Stände waren höchst unzufrieden. Die einen wollten mehr als ihnen zustand, die anderen bekamen zu wenig, die einen drückten die anderen hinunter, die anderen begehrten dagegen auf, kurz: die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse in Deutschland, besonders in Böhmen, boten das Bild einer Krise. Es gärte im Volk.
Die Hauptkritik richtete sich gegen die Kirche. Das üppige Leben der Prälaten, der Reichtum der Klöster und die Privilegien des Klerus waren dem Volk immer mehr ein Ärgernis. Der damalige König Karl IV. hatte sich in seiner Außenpolitik sehr stark auf das Papsttum gestützt, was dieses sich natürlich durch hohe Geldsummen bezahlen ließ. Während die Finanzansprüche der römischen Kurie in England und Frankreich auf den heftigen Widerstand der Staatsmacht gestoßen waren, so richtete das Papsttum sein ganzes Interesse auf das deutsche Reich, besonders aber auf die für ihre Silberfunde berühmten böhmischen Länder. Da die Kurie die Besetzung der Kirchenämter von immer höheren Geldgaben abhängig machte, wälzte die Geistlichkeit die steigenden Lasten auf die ärmsten, leibeigenen Volksschichten ab.
Mehr als ein Drittel des Bodens gehörte der Kirche, ein großer Teil der hörigen Bauern wurde also von der päpstlichen Finanzpolitik unmittelbar betroffen. Die Erhöhung der Naturalabgaben, die Verschärfung der Fronarbeit, die geforderte Bezahlung für sämtliche kirchlichen Handlungen und die ständigen Belästigungen durch die Bettelmönche, denen es zukam, aus dem Volk das Geld herauszupressen, - das alles hatte schon seit Jahrzehnten unter dem Landvolk große Erbitterung hervorgerufen. Ähnlich erging es den Städten, wo sich besonders bei den Handwerkern die Empörung über die Geldgier des Klerus und die Sittenlosigkeit seiner Mitglieder stetig steigerte.
Die Folgen blieben nicht aus, eine antikirchliche Strömung sozialrevolutionären Charakters in Böhmen in den unteren Volksschichten, auch schon im verarmten niederen Adel und bei den Kleinbürgern machte sich bemerkbar. Die ersten kritischen böhmischen Volksprediger traten auf, lange schon vor Hus, die ähnlich wie er, die unchristlichen Lehren der Kirche angriffen. Bald tauchten auch die Waldenser auf, die durch ein Leben in apostolischer Armut die Kirche ernsthaft herausforderten. Diese reagierte darauf mit den typischen Instrumenten der Verketzerung und Verfolgung. In dieser Krisenstimmung begann Hus mit seinen Volkspredigten, noch radikaler in seiner Anprangerung der Missstände der Kirche und noch mehr apodiktisch verweisend auf das wahre Christentum.
Verstandespredigten statt magisch-mystische Rituale. Aufklärung statt Vernebelung
Für zehn Jahre war die Kanzel der Bethlehemskirche Hussens wichtigste Wirkungsstätte. Sie war von ihren Gründern zu einer reinen Predigtkirche bestimmt, denn alle anderen Kirchen in Prag wurden von den etablierten priesterlichen Funktionären „für liturgische Handlungen derartig in Anspruch genommen, dass der Pflege jenes vornehmsten Amtes, der Verkündigung des Wortes Gottes, kein Ort insbesondere und ausschließlich gewidmet sei“, wie es in der Gründungsurkunde heißt. Die Scheu der Kirche vor intellektueller Auseinandersetzung mit den Gläubigen und das Ausweichen in mystisch-magische Rituale kam Hussens reformatorischem Bestreben sehr gelegen: Aufklärung des Volkes statt Vernebelung des gesunden Menschenverstandes und Knebelung des freien Denkens. Das Zitat Johannes 8, 31 erkor er zu seinem Leitspruch: „Darum frommer Christ, suche die Wahrheit, höre auf die Wahrheit, suche die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, halte die Wahrheit, verteidige die Wahrheit bis zum Tode, denn die Wahrheit befreit dich von der Sünde, vom Teufel, vom Tod der Seele und schließlich vom ewigen Tod.“

Der Reformator predigt in der Bethlehemkirche.
An die Wände der Kirche ließ Hus das Glaubensbekenntnis, die 10 Gebote und kritische Thesen über die Irrtümer der Kirche schreiben. Dem Volke predigte er in der tschechischen Volkssprache, klärte es auf mit für jedermann verständlichen Argumenten, angereichert mit bildreichen, deftigen Wendungen und Ausdrücken. Hus wird zu Recht auch als der Vater der modernen tschechischen Sprache angesehen. Er zählt neben Luther zu den bedeutendsten Spachschöpfern der europäischen Geschichte. Dabei hielt er kein Blatt vor den Mund, seine Kritik verschonte weder Papst, Bischöfe, Priester noch Messdiener, machte auch nicht vor den Machthabern im Staate Halt: „Unsere heutigen Bischöfe und Priester und namentlich die Domherren und faulen Messdiener können leider kaum das Ende des Gottesdienstes abwarten und eilen aus der Kirche, die einen in die Wirtshäuser, die anderen zu Tanzereien. Viele unserer Priester laufen wie wilde Tiere vom Leib des Gottessohnes davon, der eine nach dem Mammon, der andere auf die Jagd, was alles einem Priester niemals erlaubt ist. Und so sind eben sie, die in der Nachfolge Christi die ersten sein sollten, die größten Feinde unseres Herrn Jesu Christi.“
Scharf nahm er die „Laster der der Weltpriester“ aufs Korn und sprach sie offen aus: die Geldgier, den Wucher, den Ämterkauf, die Unzucht und die Völlerei.