„Verteidige dide Wahrheit bis zum Tode“
Dieser Leitspruch, gleichsam das Evangelium des tschechischen Reformators Jan (Johannes) Hus, war Kern seiner Predigten und Lebensaufgabe zugleich: das wahre Wort Gottes den Menschen zu verkünden- aber nicht nur darüber zu reden, sondern das Wort auch in die Tat umzusetzen.
Mit dem eigenen Leben wollte er Vorbild sein. Aber je intensiver er in der Heiligen Schrift forschte, je deutlicher er erkannte, was Jesus wirklich lehrte, je genauer er an die machtbesessene, Reichtum besitzende und antichristliche Dogmen und Lehren verkündende Amtskirche und den keineswegs lauteren und be-scheidenen Lebenswandel der Kleriker auf Kosten des Volkes den Maßstab der schlichten urchristlichen Ethik ansetzte, desto radikaler wurden seine Thesen, desto dringender forderte er ein Reform der Kirche, aber auch um so mehr Feinde machte er sich, nicht nur im böhmischen Klerus, auch in Kreisen der Prager Universität und dort bei sogar bei seinen engsten Freunden.
Arm, intelligent und grundehrlich
Jan (deutsch Johannes) wurde 1370 in dem südböhmischen Dorf Husinc geboren. Seine Eltern waren bescheidene Leute. Vom Vater weiß man nichts, die Mutter schickte ihn in die Lateinschule, denn die Priesterlaufbahn war damals eine der sichersten Möglichkeiten zum wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg. Hus erkannte später sehr wohl, dass ihn eine gute Wohnung, vornehme Kleidung und der Respekt, der einem Priester von den Menschen entgegengebracht wurde, zu dieser Karriere verlockt hatten. Ehrlich gab er das zu, merkte aber gleich selbstkritisch an: „Aber dieses böse Begehren erkannte ich, sobald ich die Schrift verstanden hatte.“
Als Student an der von Kaiser Karl IV. in Prag gegründeten ersten deutsche Universität begann Hus mit dem Grundstudium der sieben freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Astronomie, Arithmetik, Geometrie und Musik). Intelligent wie er war, bestand Hus glänzend alle Prüfungen, den Bakkalaureus und den Magister. Konnte er sich als armer Student nicht mal einen Löffel leisten – er formte welche aus Brot, um Erbesensuppe zu essen und aß dann den Löffel gleich mit auf – so bezog er durch seine Lehrtätigkeit kümmerliche, jedoch regelmäßige Einnahmen.
Hussens Durst nach Wissen und Wahrheit war nicht zu stillen, und so stockte er sein Studium mit Philosophie, dann Theologie, Juristerei und Medizin auf und erklomm gleichzeitig die universitäre Rangleiter bis zum Kollegsrektor, später dann zum Rektor der gesamten Lehranstalt.
Gelehrter Priester Prediger und Seelsorger
In der in landsmannschaftliche „Nationen“ (bayerisch, sächsisch, polnisch, böhmisch) gegliederten Universität gab es ständig Streitereien wegen den Planstellen (Pfründen), denn der Prager Erzbischof, zugleich Kanzler der Universität, bevorzugte in der Stellenvergabe die deutschen Magister
vor den böhmischen. Das forderte das Nationalbewusstsein der tschechischen Böhmen heraus und fremdenfeindliche Töne wurden laut. Auch tobten unter den Gelehrten der verschiedenen Nationen typisch scholastische, philosophisch-theologische Positionskämpfe, die der englische Historiker Macaulay als ein Streit um „Worte und Worte und nichts als Worte“ spöttisch abtat. Jedoch schälte sich in den geistigen Auseinandersetzungen immer mehr ein Kernproblem heraus: die Kritik an der Kirche.
Während die deutschen Gelehrten eifrig über Wesen, Sinn und Unsinn von Aberglauben und Wunder disputierten und sich nur zaghaft mit Kritik an die schlimmsten Auswüchse der Kirche, dem Ablasshandel, die Skandale der römischen Kurie und die Unwürdigkeit der Priester heranmachten, nahmen sich die traditionell rational geschulten böhmisch-tschechischen Gelehrten, an der Spitze Johannes Hus, den eigentlichen faulen Kern der Kirche vor: Die Ersetzung einer Christuskirche mit Christus als Oberhaupt durch eine Papstkirche mit einem sündigen Menschen als stützten sie sich auf den englischen Kirchenkritiker John Wiclif, der mutig solche radikalen Thesen in Oxford lehrte und bereits eine Verurteilung einige dieser als häretisch (ketzerisch) hinnehmen musste.

Der Reformator Johannes Hus.
In John Wiclif und seinen Schriften fand Hus einen Mitstreiter für die Wahrheit des Evangeliums, die es gegen dessen Missbrauch durch Papst, Kirche und weltliche Gewalten durchzusetzen galt.
„Gott gebe dir, Wicliff, das himmlische Königreich“, schrieb Hus. Er ließ sie die Weihen geben, wurde Priester, Prediger und Seelsorger, und weil er seinen Lehrstuhl behalten wollte, verzichtete auf Pfarrerspfründe. Von reformeifrigen Bürgern bekam er eine eigene Kirche, die Bethlehemskirche in Prag zur Verfügung gestellt. Sein neues Amt und seine Aufgabe, die „frohe Botschaft“ dem Volk zu verkünden, nahm er außerordentlich ernst, denn er richtete seine Lebensweise ganz danach aus. Tatsächlich, niemals konnten ihm seine Gegner einen ungebührlichen Lebenswandel vorwerfen. Ehrlich wie er war, soll er bekannt haben, dass er nur zwei Lieben gehabt habe, das Schachspiel und schöne Kleidung.
Ebenso ernst nahm er sein seelsorgerisches Amt: Herren und Ritter, Frauen und Männer des Volkes, Bürger und Bauern, für jeden hatte er ein offenes Ohr, bot seine geistliche Hilfe an und nahm ihnen die Beichte ab.