Wie sich christliche Missionare der Kirche daran mitschuldig machten
Der 12. Januar 2004 war für den kleinen Volksstamm der Hereros im südwestafrikanischen Staat Namibia ein böser, aber auch ein hoffnungsvoller Gedenktag. Böse deshalb, weil am gleichen Tag genau vor 100 Jahren, 1904, die Hereros sich gegen die deutsche Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika erhoben, dann aber einem unbeschreiblich grausamen Völkermord zum Opfer fielen. Hoffnungsvoll aber war dieser Tag auch, denn die Stammesführer erwarten von der Bundesregierung als Nachfolgestaat des Deutschen Kaiserreiches eine Entschuldigung und Entschädigung in Milliardenhöhe für die Verbrechen der im Auftrag der deutschen Reichsregierung handelnden deutschen Kolonialarmee und haben zu diesem Zweck Klage beim amerikanischen Bundesgericht in New York erhoben. Animiert wurden sie dazu von den Entschädigungsforderungen der Zwangsarbeiter im Naziregime an die deutsche Industrie.

Die deutschen Kolonien
Niederschlagung des Hereroaufstandes: Vorspiel zum Holocaust
Auf dieses dunkle Kapitel deutscher Kolonialgeschichte, das bislang nur spezialisierten Historikern bekannt war, das in keinem Schulbuch zu finden ist, dessen Spuren, z. B. die Gräber deutscher Kolonialsoldaten – aber keine Gräber der getöteten Hereros – neugierigen Namibiatouristen gezeigt werden, wurde die Öffentlichkeit durch Berichte in den Medien aufmerksam, die an dem Gedenktag im Januar massenhaft erschienen. Staunend wurde zur Kenntnis genommen, dass es zum großem Holocaust an den Juden bereits ein Vorspiel, nämlich einen Völkermord an einem kleinen Naturvolk im ehemaligen deutschen Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika gegeben hat, und zwar in einer erschreckenden Dimension: Von 70 000 Hereros, Männer, Frauen und Kinder wurden 65000 von deutschen Kolonialtruppen getötet, starben am Hungertod, verdursteten und wurden in Konzentrationslagern gesteckt. Zahlreiche Gefangene missbrauchte man ganz ähnlich wie in den Nazi-Kzs zu medizinischen Experimenten. Die Stammeskultur und soziale Organisation der Hereros wurde systematisch zerstört. Unter strenger Aufsicht zwang man die noch Lebenden in Reservate, um sie zu „zivilisierten“ Menschen zu erziehen und ihnen jeden Hochmut gegenüber Weißen abzugewöhnen.

In Ketten gelegte Hereros
Und heute? An der traurigen Lage der Hereros nach dem Genozid hat sich bis heute kaum etwas geändert. Noch immer haben die Weißen, darunter viel Deutsche, die größten Farmen und Rinderherden, das Volk der Hereros lebt in bitterer Armut, in primitiven Hütten ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne Schulen, ohne Ärzte. Die Zahl der Alkoholsüchtigen und Aidsinfizierten steigt stetig. Immer noch ist der Großteil von ihnen arbeitslos, viele müssen als billige Arbeitskräfte auf den Farmen arbeiten. Lange Zeit war es ihnen verboten, eigenes Land und Vieh zu besitzen. Auch an der Verachtung der weißen Großgrundbesitzer gegenüber den schwarzhäutigen Landesbewohnern hat sich kaum etwas geändert.